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Sonntag, 26. September 2021
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Offener Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann
... bzgl. drohender Baumfällungen im Mittleren Schlossgarten


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

in diesen Tagen erwarten wir die Stellungnahme des Eisenbahnbundesamts in Bezug auf die geplanten Baumrodungen im mittleren Schlossgarten f√ľr Stuttgart 21.

Aufgrund fehlender anders lautender Signale Ihrerseits in der vergangenen Zeit stehen die Zeichen f√ľr die Gegner des Gro√üprojekts Stuttgart 21 auf Alarm, m√ľssen wir doch davon ausgehen, dass die F√§llung der B√§ume im Schlossgarten, darunter vieler prachtvoller mehrhundertj√§hriger Riesen unmittelbar bevorsteht.

Es sieht so aus, als könne nichts mehr diesen barbarischen Akt aufhalten.

Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle mit einem eindringlichen Appell an Sie, den Menschen, den Christen, den GRÜNEN Winfried Kretschmann wenden.

Eine auch Ihnen bekannte Mitstreiterin, die mir in den letzten anderthalb Protestjahren eine gute Freundin geworden ist, hat mir einmal geschrieben: ‚ÄěIch habs ja nicht so mit der S√ľnde ‚Äď aber die B√§ume im Schlossgarten zu f√§llen, das ist eine!‚Äú

Recht hat sie! Unser Schlossgarten mit seinem vielf√§ltigen Baumbestand mitten in der City, um den uns andere St√§dte beneiden, dieser Schlossgarten ist etwas vom besten, was Stuttgart zu bieten hat! Es will einem nicht in den Kopf, dass es m√∂glich sein soll, die Instrumente unserer Demokratie zur Durchsetzung einer solch bodenlosen Dummheit wie der Zerst√∂rung dieser f√ľr das Stadtklima unbedingt notwendigen Oase zu missbrauchen. Anders gefragt: Muss man wirklich zulassen, dass einem kollektiven Organismus, zu dem man selber geh√∂rt, die Lunge herausgeschnitten wird, nur weil eine Mehrheit sich daf√ľr ausgesprochen hat, in Zukunft ohne Lunge leben zu wollen?

Da Sie vor Ihrer Wahl zum Ministerpr√§sidenten auf unserer Seite gegen das Projekt gestritten haben, m√ľsste Ihnen bewusst sein, dass die Baumf√§llungen den neuralgischen Punkt der Bewegung treffen, an dem diese am empfindlichsten reagiert. Die F√§llungen werden bei den Mitstreitern gegen S21 eine Narbe hinterlassen, die sie diesen mit Billigung Ihrer Regierung begangenen Frevel weder verzeihen noch vergessen lassen werden. Der Makel der Schlossgartenrodung wird f√ľr alle Zeit nicht nur an Ihrer gr√ľnen Partei, sondern insbesondere an Ihrer Person und Ihrem Namen kleben bleiben wie Pech, sehr zum Wohlgefallen der Projektinitiatoren, die diese unr√ľhmliche Rolle an Sie weiterreichen konnten mit dem f√ľr sie angenehmen Nebeneffekt, die Bewegung der Obenbleiber und die GR√úNE Landesregierung zu spalten und gegeneinander auszuspielen. Doch nicht nur Projektgegner und der gr√ľne Teil Ihrer Regierung werden in Zukunft auseinanderdividiert sein, sondern auch quer durch die Partei der GR√úNEN wird sich ein Riss ziehen. Das alles wird in der Folge dazu f√ľhren, dass Ihre Partei bei einer Wahl in Baden-W√ľrttemberg in Zukunft nie wieder einen Fu√ü auf den Boden bekommen wird.

Ich appelliere deshalb an Sie und an die Adresse der GR√úNEN Mitglieder in der Landesregierung: Machen Sie sich nicht mit den Baumf√§llungen zu Handlangern der Betreiber- und Bef√ľrworterseite, die Sie nichts lieber als in der Rolle der Exekutoren jenes miesesten aller Jobs im Vorfeld ihres Bauvorhabens sehen wollen. Machen Sie sich nicht die Finger schmutzig mit diesen F√§llungen, die alles konterkarieren, was Ihre Partei sich je auf die Fahnen geschrieben hat. Wer A sagt, muss nicht B sagen, wenn er erkannt hat, dass B falsch ist (Dies sagt Bertold Brecht, nicht Hannah Arendt). Und wer zugleich mit dem Ausgang des Volksentscheids sein Gewissen und seinen gesunden Menschenverstand wie ein unmodisch gewordenes Kleidungsst√ľck in die Mottenkiste legt, kann irgend etwas in Sachen Demokratie nicht richtig verstanden haben.

Sie wissen, wie wir alle, dass die drohenden F√§llungen im Schlossgarten kein Schicksal sind. Kein Wunder ist n√∂tig, um sie zu verhindern. Es w√ľrde gen√ľgen, wenn Sie die Argumentationsspielr√§ume aussch√∂pfen w√ľrden, die Sie mit der Ausformulierung Ihres eigenen gr√ľnroten Koalitionsvertrags festgeschrieben haben.

Ein Letztes: Sie t√§uschen sich, falls Sie darauf bauen, dass der Protest der Obenbleiber aufh√∂ren und Sie als Regierungskoalition Ruhe bekommen werden, wenn im Schlossgarten das Opfer der Baumf√§llungen vollbracht sein wird. Bewegungen wie die unsere finden nur aus einem einzigen Grund ein vorzeitiges Ende: dann n√§mlich, wenn offensichtlich ist und man zugeben muss, dass man sich in der Sachlage get√§uscht hat. Das aber ist bei uns nun gerade nicht der Fall. Uns macht jeder Tag sicherer, dass wir uns nicht t√§uschen. Jeder Tag bringt in Bezug auf Stuttgart 21 neue pikante, prek√§re und hochpeinliche Details ans Licht, die die vielen klugen K√∂pfe in unserer Mitte schon lange vorhergesagt haben. Glauben Sie also nicht, die Schaffung unumkehrbarer Tatsachen werde unseren Widerstand schon zum Erl√∂schen bringen. Das Gegenteil wird der Fall sein. Sie werden uns nicht los, es sei denn, das Projekt stirbt, und es wird sterben. Geben Sie bis dahin nicht weiter die Marionetten im Theaterst√ľck der Bahn, sondern steigen Sie endlich aus jener perfiden Inszenierung aus, an dessen Ende im Herzen von Stuttgart nicht nur denkmalgesch√ľtzte funktionsf√§hige Bausubstanz, sondern vor allem intakte Natur unwiederbringlich zerst√∂rt sein wird.

Stuttgart, 25. Januar 2012
Guntrun M√ľller-En√ülin
 
Eintrag vom: 29.01.2012  




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