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Montag, 23. Mai 2022
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Keine Feste, kein Krippenspiel, viel Stress fĂŒrs Personal
Der Mundenhof blickt auf ein schwieriges Corona-Jahr 2021 zurĂŒck und geht mit großen PlĂ€nen in die Zukunft

Freiburgs Mundenhof bleibt ein PhÀnomen. Hier dösen keine Löwen, trompeten keine Elefanten, recken keine Giraffen ihre HÀlse. Stattdessen sieht man ungekÀmmte Haustiere in ihrem Element. Es gibt keine Event-Gehege mit Hautnah-Feeling, sondern artgerechte Tierhaltung, bei der manch ein Tier nur aus der Mitteldistanz zu sehen ist. Trotzdem rennt das Publikum den Kamelen, Ziegen und Buntmardern wieder die Bude ein, seit die Corona-Lage das zulÀsst.

Zuvor musste Freiburgs Tier-Natur-Erlebnispark aber schwere Zeiten bewĂ€ltigen, wie Forstamtsleiterin Nicole Schmalfuß und das Leitungs-Duo des Mundenhofs, Susanne Eckert und Marion Bosch, heute bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2021 bekanntgaben. Neben VerĂ€nderungen im Personal und im Tierbestand hielten vor allem wechselnde Corona-Bestimmungen den Mundenhof in Atem. Wie schon 2020 konnte auch im vergangenen Jahr keines der beliebten Mundenhoffeste stattfinden und auch kein Krippenspiel.

Zudem waren die zeitweise Auflösung der ErdmĂ€nnchenhaltung und der Abgang des letzten Uhus eine Belastung fĂŒr das Team der TierpflegekrĂ€fte. Verluste eröffnen aber auch Möglichkeiten. So sind die Planungen zu einer Erneuerung und WeiterfĂŒhrung der ErdmĂ€nnchen- und Straußenhaltung voll im Gange. Die Arbeitszeit, die durch den Ausfall der Feste, FĂŒhrungen und Veranstaltungen frei wurde, hat der Mundenhof fĂŒr konzeptionelle Fragen und die Weiterentwicklung betrieblicher und struktureller Voraussetzungen genutzt. Die Ausgestaltung des Betriebshofes und das Anlegen von Betriebswegen erleichtert nun besonders an besucherstarken Tagen die Arbeit und fördert die Zusammenarbeit der Bereiche.

Forstamtsleiterin Schmalfuß verwies auf die vielen krankheits- oder verletzungsbedingten AusfĂ€lle, die die Tierpflegerinnen und -pfleger auffangen mussten: „Es tut gut zu sehen, wie stark dieses Team zusammensteht und sich gegenseitig unterstĂŒtzt.“ Besonders die Betreuung des Publikums, das den Mundenhof je nach Corona-Lage als eines der wenigen offenen Freizeitangebote nutzte, erforderte viel Geschick und stellt eine Belastung fĂŒr die Mitarbeitenden dar.

Baumaßnahmen

Großprojekte wie der Neubau des Buntmardergeheges sind nicht nur finanziell, sondern auch personell, organisatorisch und planerisch Herausforderungen fĂŒr den Mundenhof. Umso grĂ¶ĂŸer war die Freude, dass 2021 die Preisverleihung des „BDZ-Bibers“, quasi des Oscars fĂŒr herausragende Tierhaltungen, auf dem Mundenhof stattfinden konnte. Neben dem Gehege der Javaneraffen hat nun auch seine Buntmarderanlage diese Auszeichnung erhalten. Damit ist der Mundenhof erst der zweite deutsche Zoo, der zweimal den Biber gewonnen hat.

Nach dem Bau ist aber vor dem Bau: Die Planung fĂŒr die neue ErdmĂ€nnchen- und Straußenhaltung lĂ€uft lĂ€ngst auf Hochtouren – und ist eine diffizile Sache, da ErdmĂ€nnchen in einem strengen Matriarchat leben und die Sozialstruktur der Gemeinschaft seit dem Tod der „Chefin“ auseinanderfiel. Verwandte Gruppenmitglieder paaren sich nicht weiter, fremde Tiere werden als Bedrohung wahrgenommen und sind nur schwer in die Gruppe zu integrieren. FĂŒr den Mundenhof bedeutet artgerechte Tierhaltung aber, dass alle Tiere, die zur Gruppen gehören, „Bestandsschutz“ haben: sie können bis zu ihrem Lebensende hier bleiben. Damit gab es seit Jahren keinen Nachwuchs mehr, und die Gruppe wurde altersbedingt immer kleiner. Nun hat das schnelle Ende der Haltung dieses Thema plötzlich an die Spitze der Projektplanung gerĂŒckt.

Beinahe zeitgleich verstarb der letzte verbliebene Uhu in hohem Alter. Damit geht wieder eine Ära zu Ende. Uhus haben das Bild des Mundenhofs ĂŒber 40 Jahre geprĂ€gt. Das Ende der ErdmĂ€nnchen-Haltung und der Tod des Uhus eröffneten nun die Möglichkeit, ganz neu zu denken, was das Mundenhof-Team auch tat. Da die Strauße dringend eine neue Stallung benötigen und die ehemalige Anlage der ErdmĂ€nnchen fĂŒr deren Haltung nicht optimal geeignet ist, fiel die Entscheidung fĂŒr den Bau eines neuen GebĂ€udes, in dem ErdmĂ€nnchen und Strauße, zwar getrennt in eigenen Anlagen, aber dennoch „unter einem Dach“ ein Zuhause finden. Damit rĂŒcken die afrikanischen Tiere thematisch wie rĂ€umlich zusammen, die Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird optimiert und es können moderne Haltungskonzepte verwirklicht werden.

Im Zentrum des Mundenhofs stand nun die ehemalige Anlage der ErdmĂ€nnchen leer. Daher fiel die Entscheidung, diese Anlage umzubauen und die Kaninchen dort einzusetzen – ein sehr schönes Projekt, verwirklicht in Eigenregie und als Gemeinschaftsarbeit von Tierpfleger/innen und GĂ€rtner/innen. Eines Tages soll eine neue, attraktive Anlage fĂŒr die Kaninchen und Meerschweinchen in der Exotischen Mitte folgen. Auch in der Kaninchenfrage ging der Mundenhof indes neue Wege. Statt der Zwergkaninchen werden nun Deutsche Riesenschecken gehalten, gemĂ€ĂŸ der Ausrichtung als Haus- und Nutztierpark. Schecken sind eine alte Haustierrasse, die in der Bevölkerung kaum bekannt ist. Dank ihrer GrĂ¶ĂŸe und ihrer schönen FĂ€rbung haben sie sich schnell zu Publikumsmagneten entwickelt und ĂŒberraschend schnell ersten Nachwuchs produziert.

Ein Langzeitprojekt, das dank des Fördervereins verwirklicht werden konnte, ist die Krankenstation im GebĂ€ude der FutterkĂŒche. Mit der Installation einer modernen Heizung, dem Einbau neuer Fenster und einem Tordurchbruch Richtung Nistplatz, damit kranke Tiere den Zugang zu frischer Luft und Sonne genießen können, ist der Umbau nach vielen Jahren nun weitgehend abgeschlossen. Nun fehlt noch der Bau eines Außengeheges fĂŒr die Tiere, der ans neue Tor anschließt.

In der Mundenhof-PrÀrie wurde 2021 der Bisonzaun erhöht und die dazugehörige PrÀrieflÀche weitergestaltet. Nun blickt der Hof dem baldigen Einzug eines jungen Bisonbullens und der Wiederaufnahme der Zucht entgegen.

Tierische Entwicklungen

Die stetig steigenden Anforderungen an die Tierhaltung stellen eine immer grĂ¶ĂŸer werdende Herausforderung fĂŒr alle Beteiligten dar. Besonders die Vorgaben zu Dokumentation und DurchfĂŒhrung sind fĂŒr TierĂ€rzte in mancher Hinsicht kaum noch praktikabel. So prĂ€gen regelmĂ€ĂŸige Untersuchungen, Impfungen, Behandlungen und Begehungen samt der dazugehörigen Nachweise den Jahreslauf. Zudem ist die Tierhaltung zunehmend von Seuchen und Krankheiten betroffen, die sich international ausbreiten. Wegen der Vogelgrippe muss der Mundenhof seine Tiere zu bestimmten Jahreszeiten zurĂŒcksperren bzw. engmaschige Untersuchungen durchfĂŒhren. Die Auswirkungen der nahenden Afrikanischen Schweinepest auf das Tiergehege sind nicht absehbar. Zugleich werden Rinderhaltung, Aufzucht und Transport durch die Tatsache erschwert, dass Baden-WĂŒrttemberg noch im Sperrgebiet der lauzungenkrankheit liegt.

Allgemein lÀsst sich sagen, dass das feucht-warme Wetter zwar der Vegetation zu Gute kam und damit auch den Tieren, aber auch den Parasitendruck erhöhte. Besonders Fell- und Hautprobleme, Juckreiz und LÀsionen durch Fliegen, Milben, LÀuse, etc. machen dem Mundenhof zu schaffen.

Neben den Problemen gab es 2021 natĂŒrlich auch viele schöne Ereignisse. So wurde der Mundenhof wieder mit zahlreichen LĂ€mmern beschenkt; bei den Kaschmirziegen und den Zwergziegen gab es sogar Drillinge. Das Team kĂŒmmerte sich rund um die Uhr um den Nachwuchs, sodass die meisten Aufzuchten problemlos gelangen. Das kleinste Junge bei den Zwergziegen litt an einer EntzĂŒndung am Hinterlauf, die das Bein und die Klaue angriff. Es konnte bald nur noch auf drei Beinen laufen und die Behandlung zeigte zunĂ€chst kaum Erfolg. Doch tĂ€gliches Waschen, Eincremen, Verbinden und ein langer Atem der PflegekrĂ€fte fĂŒhrte zum Schluss doch zu einer Heilung. Nachdem das Zwergzicklein wieder laufen konnte, wurde es „Stampfi“ getauft und an einen schönen Platz, in einer privaten Haltung, mit viel Auslauf vermittelt. Stampfi hat gelernt, ihren Weg zu gehen.

Solche Erfolgsgeschichten helfen, die negativen Ereignisse zu verarbeiten. Denn auch davon hatte 2021 leider einige zu bieten. Im MĂ€rz zeigten sich beim Straußenhahn Ikarus SchwĂ€cheanzeichen. Er schwankte, fraß immer weniger und wirkte apathisch. Sofort wurden ein Tierarzt und Vogelspezialisten konsultiert, es folgten verschiedenste Untersuchungen, von Kotentnahmen bis zu Blutbildanalysen. Nichts brachte Erkenntnis. Infusionen und Medikamente zeigten keine Erfolge. Die Tierpfleger/innen versorgten ihn ĂŒber viele Wochen mit FlĂŒssignahrung, gaben ihm Spritzen und halfen ihm auf, auch an Wochenenden. Schließlich musste er dennoch leider eingeschlĂ€fert werden. Die Untersuchung ergab eine HerzschwĂ€che mit einer damit verbundenen EntzĂŒndung.

Da die Strauße gerade in der Balz waren, fĂŒhrte dies bei den Hennen zu Problemen, denn sie befanden sich in der Eiablage. Trotz des Verlustes musste schnell ein anderer Hahn gefunden werden, damit die Damen keine Probleme davon trugen. Anfang Juli war es dann soweit: Kito hielt auf dem Mundenhof Einzug. Er stĂŒrzte sich gleich in die Balz und lebte sich rasch gut ein. Im neuen Stall dĂŒrfen Kito und die Seinen bald auf mehr Komfort hoffen.

Auch von der Watussi-Kuh Agathe musste sich der Mundenhof trennen. Sie erlag im Februar altersbedingten SchwĂ€chen. DafĂŒr hat sich der Jungbulle, der im Dezember 2020 hinzukam, gut eingelebt; im Oktober kam prompt das erste Stierkalb auf die Welt. Matinga kam aus Löffingen, um die Herde der Watussi-Rinder zusĂ€tzlich zu verstĂ€rken.

Bei den Javaneraffen ging unterdessen eine Ära zu Ende – diesmal zum GlĂŒck ohne dass tote Tiere zu beklagen waren. Was aber nicht heißt, dass es besonders friedlich zuging. Das ganze Jahr ĂŒber lag Unruhe in der (ansonsten stabilen) Gruppe. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen, die zum Teil auch die Besucher/innen erschreckten. Der Hintergrund ist, dass die FĂŒhrungsriege der Affengesellschaft ihr Rentenalter erreicht hat. Viele von ihnen sind bereits ĂŒber 20 Jahre alt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis der Nachwuchs die Machtfrage stellen wĂŒrde. In solchen Zeiten ist es nicht einfach, im Hin und Her den Überblick zu behalten und sich um Jung und Alt gleichermaßen zu kĂŒmmern. Das erfordert spezielle Kenntnisse, viel Zeit und Geduld bei den Tierpflegerinnen der Exotischen Mitte. Nun ist Nyamuk, der noch zu den ersten Tieren gehört, die einst aus Basel ins damals neue Affengehege kamen, im wohlverdienten Ruhestand, und Cowok, der auf dem Mundenhof geboren wurde, hat das Ruder ĂŒbernommen. Gerade ist er damit beschĂ€ftigt, seinen neuen Hofstaat zu formen.

So liegen Licht und Schatten immer nah beieinander. Die VerjĂŒngung des Tierbestandes wird den Mundenhof auch kĂŒnftig beschĂ€ftigen. Alte Tiere werden gehen, junge dazukommen. Ein schönes Signal ist die Geburt eines Javaneraffen, der genau am 1. Januar 2022 zur Welt kam. Auf dem Mundenhof wird das als gutes Omen fĂŒr ein schönes Neues Jahr gewertet.

KonTiKi (Kontakt Tier Kind)

GrĂ¶ĂŸer denn je ist die Begeisterung in jenem Bereich, wo Kinder die Tiere nicht nur sehen, sondern auch striegeln, streicheln, fĂŒttern dĂŒrfen. Im KonTiKi stehen dafĂŒr Alpakas, Hausesel, Ziegen, Pferde (neuerdings mit „Willi von Wildbach“) und HĂŒhner bereit. Und diese tiergestĂŒtzte PĂ€dagogik hat Corona gut ĂŒberstanden: Insgesamt kamen im Vorjahr an 82 Nachmittagen 2.596 Kinder und Jugendliche; im ersten Corona-Jahr 2020 waren es 2.097 gewesen.

Wochentag / Kinder / Durchschnitt
Dienstag / 773 (767) / 28 (27)
Mittwoch / 993 (466) / 35 (17)
Donnerstag / 830 (864) / 32 (32)
Gesamt / 2.596 (2.097) /32 (25)
(In Klammern die Vorjahreswerte)

Diese Werte wurden trotz schwierigster Bedingungen erzielt: Bis Ende MĂ€rz 2021 blieb das KonTiKi nĂ€mlich geschlossen. Danach gab es (wie bei anderen Freizeitangeboten) Verunsicherungen, wie es weiter geht. Es dauerte jeweils Wochen, bis auch das KonTiKi wieder rund lief. Vor und nach den Sommerferien gab es dann aber viele neue Kinder und Neuanmeldungen. Offenbar hatte sich herumgesprochen, dass gerade jĂŒngere Kinder unter den Folgen der Pandemie psychisch und physisch leiden. Einrichtungen wie das KonTiKi können diese Effekte immerhin abmildern.

An den KonTiKi-Angeboten fĂŒr Schulklassen (i.d.R. Mittwoch- und Donnerstagvormittag) nahmen 54 Gruppen (Vorjahr 38) mit 835 Teilnehmenden (Vorjahr 547) teil. Da in den letzten zwei Schuljahren viele Termine ausfielen oder verschoben wurden, buchen LehrkrĂ€fte neue KonTiKi-Termine inzwischen weit im Voraus. Bereits heute sind die Angebote fĂŒr Schulklassen bis weit ins nĂ€chste Schuljahr ausgebucht
 
Eintrag vom: 03.05.2022  




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