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Mittwoch, 19. Februar 2020
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Bahnausbau am Oberrhein
 
Bahnausbau am Oberrhein
Ein Positionspapier des BUND-Regionalverbands SĂŒdlicher Oberrhein

Zum Themenbereich Neubaustrecke der Bahn am Oberrhein gibt es eine Vielzahl von Stellungnahmen unterschiedlichster Interessengruppen. Auch der BUND und seine Gruppen vor Ort haben immer wieder zu Details der Planung fĂŒr Mensch, Natur und Umwelt Stellungnahmen abgegeben. Was bisher fehlte, war eine kurze Bewertung des Gesamtprojekts. Dieses Fehlen hat auch damit zu tun, dass es keine „guten Lösungen“ gibt. Es gibt fĂŒr die geschundene Landschaft und die lĂ€rmgeplagten Menschen am Oberrhein nur „unterschiedlich schlechte“ Lösungen. Im Gegensatz zu Positionen von örtlichen BĂŒrgerinitiativen muss der BUND auch ĂŒberregionale Aspekte der Nachhaltigkeit in seine Überlegungen mit einbeziehen. BĂŒrgerinitiativen mĂŒssen das Maximale fĂŒr ihre Mitglieder und die Menschen vor Ort fordern. Ein Naturschutzverband muss neben der örtlichen Betroffenheit auch darauf achten, dass beispielsweise das Bahnfahren in Zukunft noch erschwinglich sein wird.

Transitland Oberrhein
Der Verkehr auf Straßen und Schienen am Oberrhein nimmt zu. In Sachen Verkehr wird SĂŒdbaden immer stĂ€rker zur zentralen europĂ€ischen Nord-SĂŒd-Achse mit zunehmend unertrĂ€glichen Abgas-, LĂ€rm- und FlĂ€chenverbrauchsproblemen. In der veröffentlichten Diskussion spielt dabei das Hauptproblem, der PKW- und LKW-Verkehr, der Ausbau der Straßen und insbesondere die PlĂ€ne, die teilprivatisierte Autobahn A5 sechsspurig auszubauen, leider eine untergeordnete Rolle. Eine rasche Verwirklichung der europĂ€ischen Verkehrsprojekte am Oberrhein (Verkehrsdrehkreuz Oberrhein) ist ein zentrales Ziel der Metropolregion. Ein „Verkehrsdrehkreuz Oberrhein“ kann fĂŒr AnwohnerInnen auch ein Alptraum sein.

Die Neu- und Ausbaustrecke der Bahn zwischen Karlsruhe und Basel
soll nach offiziellen Angaben einen Teil des GĂŒterverkehrs von der Straße auf die Schiene verlagern, die Fahrzeit von Karlsruhe nach Basel um insgesamt 31 Minuten verkĂŒrzen und Möglichkeiten bieten, den ÖPNV vor Ort zu verbessern.

Der BUND fĂŒr Umwelt und Naturschutz
unterstĂŒtzt diese Ziele. Dennoch mĂŒssen wir manche Bahnaussagen auch kritisch hinterfragen. Wir leben in einer nicht nachhaltigen Raubbaugesellschaft, die auch beim Menschen- und GĂŒtertransport immer mehr und alles gleichzeitig will und zwar sofort.

- Es sollen zwar mehr GĂŒter auf die Bahn, gleichzeitig soll der LKW-Verkehr auf der ausgebauten Autobahn auch massiv zunehmen. Es geht nicht um eine Verkehrsverlagerung, um ein „Entweder - Oder“ sondern um ein unhinterfragtes Mehr an GĂŒterverkehr.

- Die Bahn soll dem innereuropĂ€ischen Flugverkehr Konkurrenz machen und mit höheren Bahngeschwindigkeiten Vielflieger zum umweltfreundlicheren Zug umleiten. Doch „der Himmel ist voll“, die FlugplĂ€tze sind am Rande ihrer KapazitĂ€t. So schafft die „Entlastung durch die Bahn“ im innereuropĂ€ischen Flugverkehr mehr KapazitĂ€ten fĂŒr außereuropĂ€ische FernflĂŒge. Gleichzeitig steigt mit den hohen Bahn-Geschwindigkeiten auch der Energieverbrauch der ZĂŒge massiv an und frisst manche Umweltvorteile der Bahn wieder auf.

Immer mehr Menschen und GĂŒter mit immer höheren Geschwindigkeiten, mit einem gesteigerten Rohstoff- und Energieverbrauch zu transportieren... Dieses Grundprinzip ist in einer Zeit des Klimawandels, schwindender Öl-, Gas,- Uran- und RohstoffvorrĂ€te (– in der wir gerade in einem Jahr weltweit so viele fossile Rohstoffe verbrauchen, wie die Erde innerhalb einer Million Jahre herausgebildet hat –) dauerhaft nicht aufrecht zu erhalten. In diesem Zusammenhang ist der Bahnausbau nicht die tolle, ökologische und nachhaltige Problemlösung, sondern das deutlich kleinere Übel.

Auf die Details der Planung kann ein solch kurzes Positionspapier nur sehr allgemein eingehen. Dazu gibt es die vielfĂ€ltigen Stellungnahmen der BUND-Gruppen vor Ort. Wo immer möglich, setzen wir uns fĂŒr finanzierbare, menschen- und naturschonende Trassen und fĂŒr optimalen LĂ€rmschutz ein.

Autobahn-parallel oder Bahn-parallel ist insbesondere im Norden eine der zentralen und umstrittensten Fragen der Bahnplanung. Vor vielen Jahren hatten sich die NaturschutzverbĂ€nde gemeinsam auf die bahnparallele Trasse festgelegt. Zwischenzeitlich haben viele neue Informationen und Argumente diese Position aufgeweicht und verĂ€ndert. Heute stehen wir vor der zentralen Frage, ob das „Schutzgut Natur“ oder das „Schutzgut Mensch“ im Vordergrund unserer Argumentation stehen soll. Deutlicher als in dieser unsĂ€glichen Fragestellung kann sich unser Dilemma bei den Planungen nicht zeigen. Das „Schutzgut Mensch“ spricht aus Herbolzheimer und Kenzinger Sicht fĂŒr die Autobahnparallele. Aus Sicht der weiter von der Bahn entfernten Orte im Westen spricht es fĂŒr die Bahnparallele. Menschen sind vom Bahnausbau immer betroffen, mal mehr, mal weniger. Wenn wir jetzt mehrheitlich „eher“ fĂŒr die Autobahnparallele und einen Tunnel in Offenburg sind, dann heißt das nicht, dass wir mit Vehemenz fĂŒr diese Trasse streiten. Die Argumente unserer Schwesterorganisation NABU oder einzelner, direkt betroffener BUND-Mitglieder fĂŒr die Bahnparallele sind akzeptabel und nachvollziehbar.

Den FlĂ€chenverbrauch durch eine möglichst enge BĂŒndelung der Trassen minimieren Schon in der frĂŒhesten Planung hat sich der BUND als Erster fĂŒr eine möglichst enge BĂŒndelung von Bahntrasse und Autobahn und fĂŒr einen optimalen LĂ€rmschutz eingesetzt. Sicherheit durch Technik (Trennwand) statt durch FlĂ€chenverbrauch muss die Devise sein. Der (viel zu große) Regelabstand zwischen Bahn und Autobahn liegt bei 18,5 Metern. Dieser Sicherheitsabstand zwischen Autobahn und Neubautrasse fĂŒhrt zu einem nicht hinnehmbaren FlĂ€chenverbrauch zu Lasten von Natur und Landwirtschaft und erhöht die Kosten fĂŒr BrĂŒckenbauwerke.

Extrem landschaftsverschandelnde Teilstrecken wie beispielsweise die geplanten Überwerfungsbauwerke bei Kenzingen / Herbolzheim brĂ€chten bei der Bahnparallele eine massive Entwertung der Landschaft und sind darum so nicht akzeptabel. Hier sind landschaftsschonende Alternativen zu realisieren (Tieferlage). Auch wertvolle Naturschutzgebiete mĂŒssen bestmöglich geschĂŒtzt werden.

Ökologische Ausgleichsmaßnahmen
Vor dem sogenannten "Ausgleich" muss stets das Ziel der Minimierung der Eingriffe stehen. Starke Lobbygruppen (u.a. die Landwirtschaft) melden massiv ihre Interessen an. Wir sehen die große Gefahr, dass nicht in mehr Natur und mehr FlĂ€chen, sondern in teure, technisch aufwendige Einzelmaßnahmen investiert werden könnte. Alibibiotope lehnen wir ab.

Unsere Hauptforderung bei den Ausgleichsmaßnahmen: Mehr Platz fĂŒr BĂ€che und FlĂŒsse
Die problematischsten Aspekte der Neubaustrecke sind der FlÀchenverbrauch, die Landschaftszerschneidung und der LÀrm. Wir brauchen, neben dem LÀrmschutz also Projekte, die genau an diesen Problemfeldern ansetzen.
Die meisten Mittel- und UnterlĂ€ufe unserer BĂ€che und FlĂŒsse wurden zu geradegestreckten, kanalisierten, naturfernen KanĂ€len umgebaut. Möhlin, Elz, Dreisam, Glotter, Schutter, Kinzig – diese landschaftsprĂ€genden GewĂ€sser unserer Heimat könnten durch geeignete Maßnahmen, insbesondere durch DammrĂŒckverlegungen, ökologisch aufgewertet und renaturiert werden. So könnten auch zusĂ€tzliche Möglichkeiten zur HochwasserrĂŒckhaltung geschaffen werden. Es sollte auch versucht werden, durch geeignete bauliche Maßnahmen (z.B. breite DurchlĂ€sse unter Autobahn und Neubautrasse) die Wandermöglichkeit von Tieren entlang der BĂ€che wieder zu verbessern. GrĂŒne BĂ€nder, d.h. breite, naturnahe Korridore, teilweise mit Auecharakter zwischen Schwarzwald und Rheinaue sollten als Ziel angestrebt werden. Nicht teure Ingenieurbiologie, sondern zusammenhĂ€ngende FlĂ€chen, insbesondere die weniger wertvollen Böden in BachnĂ€he, werden gebraucht. Dazu gehört auch die WiedervernĂ€ssung von Wiesen in FlussnĂ€he, als Maßnahme fĂŒr einen wirklichen Biotopverbund. FĂŒr Teilabschnitte der Dreisam liegen fertig ausgearbeitete Konzepte vor. An Hand dieses Beispiels sollte geprĂŒft werden, an welchen GewĂ€ssern der Region mit dem geringsten finanziellen Aufwand der grĂ¶ĂŸtmögliche Effekt fĂŒr Mensch und Natur erzielt werden könnte.

Andere wichtige Ausgleichsmaßnahmen:
Neben diesem zentralen Schwerpunkt, der nach Ansicht des BUND oberste PrioritĂ€t haben sollte, gibt es noch eine Vielzahl von wichtigen Projekten und VorschlĂ€gen, die von allen VerbĂ€nden gemeinsam unterstĂŒtzt werden. Dazu gehören u.a. die WiedervernĂ€ssung von Wiesen, SĂŒmpfen und WĂ€ldern, Maßnahmen zur Förderung von Brutvögeln, Insekten und Amphibien sowie ökologisch ausgerichtete Waldpflege. Sollten die Ausgleichsgelder nicht sofort ausgegeben werden können, dann sollte ein Teil der Summe in eine regionale Naturschutzstiftung eingebracht werden.

Der BUND sagt differenziert “Ja, aber” zu den Planungen der Bahn. Um so deutlicher ist unser Nein zu den PlĂ€nen, die Umweltzerstörung am Oberrhein durch den Ausbau der Autobahn massiv zu verstĂ€rken. Wir sehen die PlĂ€ne der Bahn kritisch, vor dem Hintergrund des FlĂ€chenverbrauchs, der Naturzerstörung, der VerlĂ€rmung und der damit verbundenen abnehmenden LebensqualitĂ€t am Oberrhein.

Ilse Weghaupt / BUND-Vorsitzende, Ortenaukreis
Gerhard Völker / BUND-Vorsitzender Landkreis, Emmendingen
Frank Baum / BUND-Regionalvorstand, Breisgau Hochschwarzwald
Andreas Hoffmann / BUND-Vorsitzender, Freiburg
Axel Mayer / BUND-GeschĂ€ftsfĂŒhrer, SĂŒdlicher Oberrhein
 
Eintrag vom: 11.11.2009  




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