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50 Jahre Atomprotest: Kein AKW in Breisach
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50 Jahre Atomprotest: Kein AKW in Breisach
„Kann der FlĂŒgelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen? Konnte der 50 Jahre zurĂŒckliegende Antrag eines Energieversorgungsunternehmens einen Machtwechsel in Baden-WĂŒrttemberg (mit)bewirken und einen wichtigen Impuls fĂŒr eine neue, globale Umweltbewegung geben?“

Die Chaostheorie gibt Antwort auf diese Fragen. Am 2. Juni 1971 stellte das damalige baden-wĂŒrttembergische Energieversorgungsunternehmen, die Badenwerk AG, einen folgenschweren Antrag bei der zustĂ€ndigen Genehmigungsbehörde des Landes. In Breisach am Rhein sollte ein Atomkraftwerk mit vier Reaktorblöcken und insgesamt 5200 Megawatt Leistung gebaut werden. In Breisach begann damals der erfolgreiche badische Umwelt- und Atom-Protest, der sich spĂ€ter in Wyhl verstĂ€rkte und die Energiepolitik und ganz Deutschland verĂ€ndern sollte.

Weder die Antragsteller noch die damalige Landesregierung hatten in dieser lĂ€ndlichen, konservativen, von satten CDU-Mehrheiten und vom Weinbau geprĂ€gten Region mit Protest oder gar ernstzunehmendem Widerstand gerechnet. Doch schnell grĂŒndeten sich BĂŒrgerinitiativen am Kaiserstuhl und UnterstĂŒtzergruppen in Freiburg. FlugblĂ€tter wurden verteilt, Infoveranstaltungen durchgefĂŒhrt, 65.000 Unterschriften gesammelt und große Demos organisiert. Der frĂŒhe, immer auch grenzĂŒberschreitende Protest am Oberrhein stand mit am Anfang einer erwachenden weltweiten Umweltbewegung. Es war eine Zeit, in der in Deutschland Kinder durch Luftverschmutzung erkrankten und Asbest-Gefahren verharmlost wurden. FlĂŒsse waren damals stinkende Kloaken. DDT vergiftete Mensch und Natur und es war Praxis, schweizer AtommĂŒll im Meer zu versenken.
Es war die Zeit, in der aus „Nur-NaturschutzverbĂ€nden“ politische "Umwelt- und Naturschutzorganisationen“ wurden. Neue VerbĂ€nde entstanden, wie die 1970 gegrĂŒndete "Aktion Umweltschutz“, aus der spĂ€ter der BUND-Regionalverband SĂŒdlicher Oberrhein wurde.

Um das Atom-Projekt zu retten, wurde 1973 der Standort weg vom Kaiserstuhl, in den kleinen, nahe gelegenen Ort Wyhl verlegt. Doch aus dem Breisacher „FlĂŒgelschlag“ war lĂ€ngst ein Sturm geworden. Ein Sturm, der -zuerst im elsĂ€ssischen Marckolsheim mit der weltweit ersten ökologisch begrĂŒndeten Bauplatzbesetzung- ein extrem luftverschmutzendes Bleiwerk verhinderte und dann im massiven, erfolgreichen, AKW-Wyhl-Protest weiter ging.

Das vor einem halben Jahrhundert geplante AKW Breisach war politisch nicht durchsetzbar. Nicht die mĂ€chtigen Energiekonzerne und ihre Lobbyisten in der Politik haben sich durchgesetzt, sondern die Menschen. Der Protest stand mit am Anfang einer neuen, regionalen und gleichzeitig weltweit erwachenden Umweltbewegung. Das damalige Nein zur Atomkraft und zur Umweltverschmutzung war ein frĂŒhes Ja zu zukunftsfĂ€higen Energien und zur Nachhaltigkeit. In Breisach und am Kaiserstuhl wurde vor 50 Jahren Geschichte geschrieben. Es war ein gesellschaftlicher Kipppunkt, eine Zeit des Umbruchs in der weltweit viele Schmetterlinge mit den FlĂŒgeln schlugen und eine Zeit des Wandels auslösten. Wichtige VerĂ€nderungen begannen, die heute, im Zeitalter des AnthropozĂ€n, einer Zeit des Überkonsums, der Artenausrottung und der Klimakatastrophe immer noch ganz am Anfang stehen.

Axel Mayer, Mitwelt am Oberrhein, (Alt-) BUND-GeschĂ€ftsfĂŒhrer und Bauplatzbesetzer in Marckolsheim und Wyhl
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Eintrag vom: 03.06.2021  




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