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Montag, 16. Dezember 2019
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2019 - Umweltpolitischer Jahresr√ľckblick
Das Jahr 2019 war ein Jahr wie die Jahre zuvor. Reiche und Konzerne wurde reicher (und einflussreicher) und gleichzeitig ist die Zahl der weltweit Hungernden auf 822 Millionen Menschen gestiegen. Es war ein Jahr der stillen, konsequenten Aufr√ľstung in Deutschland. Die globale und regionale Artenausrottung beschleunigte sich, mehr CO2 wurde ausgesto√üen und die sich abzeichnende Klimakatastrophe zeigte sich nicht nur am Zustand des Waldes immer deutlicher. Gleichzeitig verst√§rkte sich der gut organisierte Widerstand gegen die Energiewende und gegen die erneuerbaren Energien. Die Kids von "Fridays for Future" und das Volksbegehren Artenvielfalt in Baden-W√ľrttemberg √∂ffneten kleine Fenster der Erkenntnis - die Reaktionen waren auch verbesserte Konzern-PR und teilweise schon beinahe hysterisch anmutende Formen der Verdr√§ngung und Ablehnung.

Wir beginnen unseren Jahresr√ľckblick erstmals mit einem 5,53 Euro-Witz. Die Klimakatastrophe wurde im Jahr 2019 langsam real. Die globale Temperatur steigt, die Extremwetterereignisse nehmen zu, Gletscher & Pole schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die W√§lder sterben und der Regenwald brennt. Und was beschlie√üt die Regierung in Sachen Flugverkehr? Die Luftverkehrssteuer f√ľr innerdeutsche Fl√ľge sowie Verbindungen innerhalb der EU steigt um sagenhafte 5,53 Euro. Der Berg krei√üte und gebar eine Maus. Nicht einmal ein Tempolimit lie√ü sich politisch durchsetzen. √Ąhnlich putzig waren die Ma√ünahmen gegen den Plastik-M√ľllberg.

Am 26.2.2019 wurde dem mehr als gemeinwohlorientierten Verband Attac die Gemeinn√ľtzigkeit entzogen und gleiches geschah auch der Kampagnenorganisation Campact. Die aggressiven Klimawandelleugner von EIKE und die Lobby- "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die schrecklich erfolgreich gegen die Energiewende, gegen erneuerbare Energien und gegen die CO2 Steuer k√§mpfen, sind selbstverst√§ndlich weiterhin zumindest formal gemeinn√ľtzig. Die Urteile h√§tten sicher heftige Reaktionen ausgel√∂st... wenn sie in Hongkong oder Moskau gef√§llt worden w√§ren.

Am 20. September 1974 besetzten badisch-els√§ssische Umweltaktive erfolgreich den Bauplatz eines geplanten, extrem umweltbelastenden Bleichemiewerks im els√§ssischen Marckolsheim. Auf den Tag genau 45 Jahre sp√§ter demonstrierten weltweit Millionen Menschen (in Freiburg √ľber 30.000!) mit "Fridays for Future" f√ľr mehr Klimaschutz. Nein, wir haben die Jugendbewegung Fridays for Future nicht "geschaffen oder organisiert". Die jungen Menschen organisieren sich erfreulich selber. Aber Umweltbewegung und BUND haben sich jahrzehntelang f√ľr Luftreinhaltung, Klimaschutz und zukunftsf√§hige Energien engagiert und massive Konflikte mit Klimawandelleugnern und m√§chtigen Energiewendegegnern ausgetragen. Unsere √Ėffentlichkeitsarbeit war der stete Tropfen, der den Stein h√∂hlt. Und irgendwann wurde aus der Quantit√§t der Information, die Qualit√§t der Aktion und wir freuen uns, "Fridays for Future" zu unterst√ľtzen. Die K√§mpfe f√ľr den Klimaschutz sind noch lange nicht ausgestanden und wir brauchen Jung und Alt.

Die chinesische Wirtschaft wuchs 2019 "nur noch" mit 6% und die Anh√§nger der globalen Wachstumsreligion jammerten. Doch genau hinter solchen Zahlen verbergen sich die globalen Probleme von Klimakatastrophe und Artenausrottung. Ein Bruttosozialprodukt, das ‚Äěnur‚Äú mit 6% wuchert, verdoppelt sich nach 12 Jahren. Und eine Menge, die exponentiell w√§chst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit. Der einzelne Flug, der SUV oder die Kreuzfahrt sind nicht das Klima-Problem, sondern der globale Zwang zu wachsen. Es ist ein unrealistischer Wunsch so verschwenderisch wie bisher weiter zu leben und dieses System der Gier weltweit zu √ľbertragen. Dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft im begrenzten System Erde ist nicht m√∂glich und f√ľhrt zwangsl√§ufig zu Klimakatastrophe, Umweltverschmutzung, Artenausrottung und Selbstzerst√∂rung. Hier m√ľssen wir weltweit, aber gerade auch in Deutschland, ansetzen und das gute Leben ohne Wachstumszwang angehen.

Im vergangenen Jahr 2018 hatte der BUND am Oberrhein die Mitglieder aufgefordert, Protestpostkarten an die Landr√§tin St√∂rr-Ritter im Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald zu senden. Hintergrund der Postkartenaktion war die jahrzehntelange Grundwasservergiftung durch die Abraumhalde in Buggingen. Im Jahr 2019 haben wir den Sanierungs-Druck massiv erh√∂ht. Eine parlamentarische Anfrage der SPD brachte ein unglaubliches Ergebnis. Von der Abraumhalde des ehemaligen Kalibergwerks gehen t√§glich bis zu 2,5 Tonnen Salz ins Grundwasser! Diese Tatsache √ľbertrifft bei weitem unsere schlimmsten Bef√ľrchtungen und wirft ein Schlaglicht auf das Versagen der Beh√∂rden im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Wir machen weiter Druck, damit nach unglaublichen 11 Jahren Verhandlungen endlich mit der Sanierung begonnen wird.

Wenn im Jahr 2020 (hoffentlich) die beiden Fessenheimer Reaktoren abgestellt werden, dann hat das auch ein wenig mit den T√§tigkeiten des BUND am Oberrhein in der grenz√ľberschreitenden Umweltbewegung zu tun. Hunderttausende von Infobl√§ttern wurden gedruckt, die Zahl der BUND-Plakate, Banner, Anstecker, Mails, Aktionen & Demos ist unermesslich. Die Medien wurden fast drei Jahrzehnte lang mit viel zu vielen Presseerkl√§rungen gequ√§lt.

Das Volksbegehren Artenschutz und aktuelle, erschreckende Studien zum Insektensterben haben uns sehr besch√§ftigt. Gutes Brot, regionaler Wein UND Schmetterlinge, auch f√ľr unsere Enkel, ist die Haltung des BUND am Oberrhein zum (ausgesetzten) Volksbegehren. In einer Zeit massiver, globaler und regionaler Artenausrottung hat bei uns die Masse der Insekten teilweise um √ľber 75% abgenommen und die Fernwirkung der Gifte t√∂tet auch die Insekten in den gro√üen Naturschutzgebieten, zum Beispiel am Kaiserstuhl. Getrieben vom (Alb-)Traum der giftdominierten, globalen Agrarfabrik sind, politisch gewollt, seit 1949 in Baden-W√ľrttemberg 75% der landwirtschaftlichen Betriebe verschwunden. Die politisch Verantwortlichen f√ľr das Bauernsterben stellen sich gerade, erschreckend erfolgreich, als Bauernretter dar. Hinter den "Gr√ľnen Kreuzen" steht eigentlich eine bundesweite Kampagne "Sch√ľtzt die Bauern durch ein Ja zu Gift, Nitrat und zur Massentierhaltung". Die berechtigte Verzweiflung der kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe wird gezielt in die falsche Richtung gelenkt.

Im Mai 2019 sind im Naturschutzgebiet Taubergießen rund 3.000 Hummel- und Spinnenragwurz-Orchideen verschwunden und es tobte ein großer Streit, ob Wildschweine oder Diebe die Ursache waren. Doch dieser Streit lenkt vom Hauptproblem ab.
Der gro√üe Orchideen-Bestand im Taubergie√üen ist ein kleines europ√§isches Naturwunder. Der Verlust so vieler Orchideen ist eine kleine Katastrophe f√ľr die Artenvielfalt. Die gro√üe Katastrophe ist die Tatsache, dass es europaweit nur noch so wenige Orchideen gibt. Unsere Naturschutzgebiete sind zwischenzeitlich (√§hnlich wie in Afrika) Restnatur und Naturmuseen und der Verlust gef√§hrdet winzige Restbest√§nde. Egal ob Diebe oder Wildschweine die Ursache waren - wir brauchen mehr Natur.

Der Historiker Werner Schönleber hat im Jahr 2019 Dokumente entdeckt und veröffentlicht, die zeigen, dass in der Zeit des Kalten Krieges in Lahr Atombomben "gelagert" wurden. Der Vorgang zeigt einen dreifachen Skandal:
- Es wurde aufgezeigt, dass die m√∂rderischste aller Bomben heimlich in S√ľdbaden gelagert wurde
- Es wurde aufgezeigt, dass wir in einer Demokratie jahrzehntelang gezielt belogen wurden
- Es ist ein Skandal, dass diese L√ľgen niemanden st√∂ren

Wie von uns schon lange bef√ľrchtet, verst√§rkt sich durch Trockenheit und Klimawandel das Waldsterben in Schwarzwald und Vogesen massiv. Noch zwei, drei solche Hitzesommer und Trockenjahre und wir werden den Schwarzwald nicht wiedererkennen. Agrarminister Hauk und die politisch Verantwortlichen f√ľr Klimawandel und Waldsterben spielen sich mit unseren Steuergeldern als "Waldretter" auf.

Der kleine BUND-Regionalverband hat in den letzten Jahren bundesweit √ľber 19.000 Nistk√§sten verkauft und unsere Bauanleitungen im Internet wurden weit √ľber 4 Millionen mal aufgerufen. In diesem Jahr haben wir jedem Kindergarten im Landkreis Emmendingen einen Nistkastenbausatz geschenkt um gerade auch kleine Kinder an die Natur heran zu f√ľhren. Eine kleine Erbschaft, die direkt an uns ging, hat diese sch√∂ne Aktion erm√∂glicht, die wir auch in den anderen Landkreisen unserer Region fortsetzen wollen.

Zwei Milliarden Menschen von den insgesamt 7,6 Milliarden, die auf der Welt leben, leiden Hunger, sind unterern√§hrt oder m√ľssen ohne gesicherten Zugang zu regelm√§ssigem und nahrhaftem Essen auskommen. Nachdem Hunger ein Jahrzehnt lang ein schwindendes Menschheitsproblem zu sein schien, breitet sich seit 2015 diese Geissel wieder aus. In jenem Jahr galten 785 Millionen Menschen als ernsthaft an Hunger Leidende, 2018 waren es 830 Millionen. Auch die Grade von Unterern√§hrung kennzeichnen wieder das Leben von mehr Menschen, elf Prozent der Weltbev√∂lkerung waren es im vergangenes Jahr.

Axel Mayer, BUND-Gesch√§ftsf√ľhrer
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Eintrag vom: 30.11.2019  




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