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Vogelsterben: Gewinner & Verlierer
- Immer mehr und immer weniger Vögel!?

Aktuell gibt es in den deutschen Medien zwei sich scheinbar heftig widersprechende BeitrĂ€ge zur Vogelwelt. Einerseits ist der RĂŒckgang vieler Vogelarten, ausgelöst insbesondere durch das große Insektensterben ein wichtiges Thema, anderseits wird aber auch von Bestandszunahmen bei einzelnen Arten wie Wanderfalken, Störchen, Bienenfressern und GĂ€nsen berichtet. Also immer mehr und gleichzeitig immer weniger Vögel? Wie kann das gehen?

In der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands gelten drei Viertel der Vögel in offenen, nicht bewaldeten Landschaften, als gefĂ€hrdet, einschließlich Vorwarnliste sind es sogar 87 Prozent und die Individuenzahlen gehen bei fast allen diesen Arten weiter abwĂ€rts.

Dennoch gibt es auch in Teilbereichen und kleinen Nischen eine erfreuliche Bestandszunahme:

- Vögel wie Habicht und Wanderfalke, "Fisch"reiher, Kormoran, Kolkrabe und Uhu wurden als so genannte „Fraßfeinde“ frĂŒher hĂ€ufig abgeschossen oder vergiftet. Hier hat durch öffentlichen Druck ein Umdenken eingesetzt, das zur Bestandserholung beigetragen hat.
- Der Klimawandel wird das globale Artensterben beschleunigen und doch gibt es auch hier Ausnahmen von der Regel, wie der Bienenfresser zeigt. In Deutschland galt der wĂ€rmeliebende Vogel Ende der 1980er Jahre als ausgestorben, seit 1990 wandert er jedoch wieder ein. Er hat sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Bereich um den Kaiserstuhl in Deutschland angesiedelt und schon 2015 lebte die HĂ€lfte der ca. 1000 in Deutschland brĂŒtenden Paare im sĂŒdlichen Sachsen-Anhalt bei Merseburg.
- Die verschiedenen GĂ€nsearten waren im zweiten Weltkrieg und in den Hungerjahren danach ein intensiv bejagtes Nahrungsmittel. Jetzt hat ihre Zahl wieder stark zugenommen.
- Um die Jahrhundertwende drohte der Wiedehopf am Kaiserstuhl auszusterben. Dass die sĂŒdbadische Population heute einen beachtlichen Anteil des deutschen Bestandes ausmacht, ist aktiven NaturschĂŒtzern und einem Artenschutzprogramm des Landes Baden-WĂŒrttemberg zu verdanken. Am liebsten brĂŒtet der Wiedehopf in natĂŒrlichen Baumhöhlen. Doch in der zunehmend ausgerĂ€umten Agrarlandschaft wurden immer mehr alte ObstbĂ€ume gefĂ€llt. 1996 zĂ€hlte man lediglich sechs Paare im Kaiserstuhl. Der Vogel drohte aus der Region zu verschwinden. UmweltschĂŒtzer haben ein flĂ€chendeckendes Netz von 140 Wiedehopf-NistkĂ€sten aufgebaut und das Ergebnis ist mehr als erfreulich. Mehr als 100 Wiedehopf-Paare gab es 2018 im Gebiet des Schutzprogramms.
- Der lang zurĂŒckliegende Kampf der Umweltbewegung gegen das Ultragift DDT hat sich fĂŒr Vogel und Mensch gelohnt. Insbesondere vogel- und fischfressende Greifvögel, wie Wanderfalke, Seeadler oder Sperber waren massiv bedroht. Katastrophale BestandseinbrĂŒche und ein DDT-bedingter erheblicher RĂŒckgang der Eischalendicke nach 1950 wurden in weiten Teilen der nördlichen HemisphĂ€re verzeichnet. In Europa starb der Wanderfalke in DĂ€nemark, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und der DDR bis Ende der 1970er-Jahre aus. Das Verbot von DDT und die damit verbundene Bestandszunahme dieser Greifvögel ist ein großer Erfolg der Umweltbewegung. Der heutige Kampf gegen Neonicotinoide und andere Agrargifte ist fĂŒr Insekten, Vögel und Umwelt Ă€hnlich wichtig wie die frĂŒhen Konflikte um DDT.
- Auch der aktive Schutz des „Vorzeigevogels“ Weißstorch hat zu einer starken Zunahme der Population der Störche gefĂŒhrt. Beim Weiß-, vor allem aber beim Schwarzstorch war auch die EntschĂ€rfung von Stromleitungen und Masten im Zug- und Überwintergungsgebiet, z.B. Spanien, ein wichtiger Grund fĂŒr die Erholung der Vorkommen. In Österreich und der Schweiz sind die WeißstorchbestĂ€nde heute grĂ¶ĂŸer als zur Zeit der ersten ZĂ€hlung 1934. Die Situation hat sich deutlich gebessert, da an vielen Orten Anstrengungen unternommen wurden, dem wildlebenden Storch wieder bessere Lebensbedingungen zu schaffen.

Wir freuen uns ĂŒber die Bestandszunahme der wenigen „Gewinner“, sehen aber mit zunehmender Sorge den massiven RĂŒckgang bei den Vögeln der Agrarlandschaft in Feld und Wiese: FrĂŒhere „Allerweltsarten“ wie Rebhuhn und Feldlerche zĂ€hlen heute schon zu den RaritĂ€ten. Die Gewinner fallen auf, vor allem, wenn sie groß wie der Storch, oder so bunt wie Bienenfresser und Wiedehopf sind. Die Verlierer verabschieden sich still und leise wie die Bekassine.

Doch das erfolgreiche Engagement fĂŒr Storch und Wiedehopf und der Kampf gegen DDT zeigen, dass es sich lohnt gemeinsam Anstrengungen zu unternehmen, damit auch zukĂŒnftige Generationen eine bunte Artenvielfalt erleben können.

Axel Mayer, BUND-GeschĂ€ftsfĂŒhrer
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Eintrag vom: 07.08.2018  




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