oekoplus - Freiburg
Montag, 21. Mai 2018
  --- Besuchen Sie unser neues Informationsportal wodsch.de
Uhr


 
Der Billigheimer als Vorreiter?
Europas gr├Â├čter Discounter Lidl will ab April 2018 einen "Haltungskompass" im Frischfleischverkauf einf├╝hren. Der Konzern nutzt damit das gesetzliche Vakuum und inszeniert sich als Vorreiter beim Tierwohl. Durch Kennzeichnungsziffern von 1 bis 4 soll der Verbraucher - wie bei den Eiern - erkennen, wie gut oder schlecht das Tier gehalten wurde, von dem das Fleisch stammt. Slow Food Deutschland warnt, eine gesetzlich festgeschriebene und einheitliche Haltungskennzeichnung aus den Augen zu verlieren. Eine solche Kennzeichnungspflicht sei ebenso notwendig wie eine Reduzierung unseres viel zu hohen Fleischkonsums.

Wenn der Staat bremst und blockiert und mit der l├Ąngst ├╝berf├Ąlligen gesetzlichen Kennzeichnungspflicht keinen Millimeter vorankommt, dann ├╝berl├Ąsst er das Feld den Unternehmen. "Lidl" prescht nun vor: Der in der Vergangenheit mit diversen Skandalen, Sozial- und Umweltdumping aufgefallene Riese macht ab diesem Fr├╝hjahr sein eigenes Ding: eine vierstufige Kennzeichnung. Demnach steht die "1" f├╝r den gesetzlichen Mindeststandard, die "2" f├╝r Stallhaltung Plus. Eine "3" bedeutet mehr Platz und Auslauf, "4" entspricht Bio-Qualit├Ąt. "Wenn jetzt jeder Supermarkt und jeder Discounter ihre eigenen Kennzeichnungsregeln einf├╝hren, landen wir bei beliebigen Wildwuchs", kommentiert Slow-Food-Vorsitzende Ursula Hudson den Lidl-Vorsto├č. "Wer kontrolliert das System, wer definiert es, wer inspiziert die St├Ąlle, wer sorgt f├╝r Transparenz und Wahrhaftigkeit der Kennzeichnungen und was bitte ist Stallhaltung Plus? Industrielle Qu├Ąlhaltung mit G├Ąnsebl├╝mchen?"

Die Bef├╝rchtung sei gro├č, so Hudson weiter, dass bei Lidl und m├Âglichen anderen Unternehmen ein letztlich nicht nachpr├╝fbares Eigensystem entstehe, das die Verbraucher t├Ąuscht und in erster Linie dem Image des Billigheimers dienen soll. Hudson: "Wir fordern weiterhin eine Haltungskennzeichnung f├╝r Nutztiere, die aber nach klaren und f├╝r alle Anbieter verbindlichen Richtlinien. Wir werden die Leute auch k├╝nftig wohl kaum zum Lidl schicken und deren Billigpreispolitik f├╝r Fleisch auch noch unterst├╝tzen. Nicht mit Slow Food. Zudem besteht aus Sicht unseres Verbands das Risiko, dass privatwirtschaftliche Initiativen als Alibi die staatliche Kennzeichnung endg├╝ltig ausbremsen. Wenn die Discounter und Supermarktketten jeweils ihr eigenes Siegel draufkleben, passiere bei der gesetzlichen bundesweiten Kennzeichnungspflicht f├╝r alle erst recht nichts mehr", kritisiert Hudson.

Eine Haltungskennzeichnung f├╝r Nutztiere, die Fleisch und Milch liefern, wird seit langem gefordert - auch von den Verbrauchern. 89 Prozent der Deutschen finden sie laut FORSA-Umfrage (Januar 2017, im Auftrag von Greenpeace) hilfreich. 79 Prozent fordern sogar, sie verpflichtend einzuf├╝hren. Vor allem deshalb, weil ein undurchschaubares Durcheinander an Labeln, Plaketten und Pseudo-Auszeichnungen selbst kritische und halbwegs informierte Eink├Ąufer komplett verwirren. Das Fleischangebot in deutschen Superm├Ąrkten und Discountern wirkt bisweilen wie eine gro├če gr├╝ne Oase mit einem kleinen Restposten aus Qu├Ąlhaltung. In Wahrheit ist es umgekehrt: 98 Prozent des in Deutschland verkauften Fleischs kommt aus Massentierhaltungen, von denen die meisten gerade eben gesetzlichen Mindeststandards gen├╝gen.

Slow-Food-Vorsitzende Ursula Hudson: "Wir werden die Lidl-Initiative und ihre Umsetzung genau beobachten und gemeinsam in unserem Netzwerk weiter f├╝r eine gesetzlich vorgeschriebene, f├╝r alle verpflichtende Haltungskennzeichnung bei Fleisch- und Milchprodukten k├Ąmpfen. Sie muss und sie wird kommen. Genauso wichtig aber ist es, die Verbraucher davon zu ├╝berzeugen, weniger Fleisch zu konsumieren. Wir m├╝ssen zur├╝ck zum Sonntagsbraten. Nur eine deutliche Reduzierung hilft Mensch, Tier und Umwelt gleicherma├čen."

Lidl ist bei der Kennzeichnung in die Offensive gegangen. Das mag aus Sicht von Europas gr├Â├čtem Discounter Sinn machen. Es zeigt zugleich, dass einige Lebensmittelriesen offenbar weiter sind als die Politik.
 
Eintrag vom: 07.02.2018  




zurück

Copyright 2010 - 2018 Benjamin Jäger