oekoplus - Freiburg
Samstag, 7. Dezember 2019
  --- Besuchen Sie unser neues Informationsportal wodsch.de
Uhr


 
Scheuklappen bei der Suche nach Ansteckungsquellen fĂŒr Vogelgrippe ablegen
NABU: Kritische Analyse beleuchtet Verbreitungswege fĂŒr Vogelgrippe in GeflĂŒgelwirtschaft

Angesichts einer aktuell veröffentlichten kritischen Analyse zum derzeitigen Auftreten der Vogelgrippe und ihrer Verbreitung erneuert der NABU seine Kritik an der bislang einseitigen Ursachenforschung zur Ausbreitung der GeflĂŒgelpest. Eine Gruppe unabhĂ€ngiger Experten des Wissenschaftsforums AviĂ€re Influenza (WAI) hat das bisherige Ausbruchgeschehen in Europa detailliert dokumentiert. Diese Aufstellung geht weit ĂŒber die aktuelle Risikoanalyse des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) vom 25.11.2016 hinaus. Anhand der aufgelisteten Indizien wird die Hypothese des FLI, dass das Vogelgrippe-Virus H5N8 allein durch Wildvögel verbreitet wird, kritisch hinterfragt. Zahlreiche Indizien sprechen vor allem fĂŒr eine Verbreitung des Virus durch die GeflĂŒgelwirtschaft selbst. Der NABU fordert das FLI auf, diese Hinweise ernst zu nehmen und mit allen ihm als zustĂ€ndiger Behörde zur VerfĂŒgung stehenden Mitteln zu prĂŒfen.

„Das zustĂ€ndige Bundesinstitut ignoriert bis heute sĂ€mtliche Indizien, die dafĂŒr sprechen, dass sich GeflĂŒgelbetriebe vor allem durch die Stoffströme der GeflĂŒgelwirtschaft selbst mit dem Vogelgrippe-Virus H5N8 infizieren. Die Ergebnisse legen nahe, die FahrtenbĂŒcher und GPS-Daten von Tiertransporten auszuwerten, um zu untersuchen, ob sich diese Routen mit Ausbruchsherden der Krankheit decken“, sagte NABU-BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer Leif Miller. Stattdessen verweist das Institut ausschließlich auf Wildvögel als ÜbertrĂ€ger. „Diese Scheuklappen-MentalitĂ€t erklĂ€rt, warum auch zehn Jahre nach dem ersten großen Vogelgrippe-Ausbruch in Deutschland tatsĂ€chliche Eintragsquellen nie identifiziert wurden und zukĂŒnftige AusbrĂŒche nicht verhindert werden können.“

So zeigt eine eingehende Gen-Analyse zwar – wie vom FLI betont – eine große Ähnlichkeit des aktuell grassierenden Virus mit einem im Juni 2016 an einem sibirischen See bei Wildvögeln gefundenen Virus. Sie widerlegt allerdings eindeutig die Behauptung, dass das Virus ĂŒber diese Wildvögel ĂŒber weitere Stafetten nach Europa gelangt sein könnte, denn das Virus der sibirischen Wildvögel ist eindeutig kein VorlĂ€ufer des aktuellen Virus in Europa, sondern hatte sich wenige Monate zuvor von einem gemeinsamen VorlĂ€ufervirus abgespalten, das in einem chinesischen Schlachthof entdeckt wurde. Zudem wurden alle Wildvögel dort nach der vorliegenden russischen Originalquelle tot aufgefunden, und nicht, wie vom FLI behauptet „gesund geschossen“. Damit steht abermals die bisher unbelegte Aussage des FLI, dass Wildvögel das Virus lange Zeit in sich tragen und dabei ansteckend seien ohne selber daran zu erkranken, auf tönernen FĂŒĂŸen. Ohne diese Hilfsthese ist aber eine Verbringung des Virus durch Wildvögel ĂŒber Kontinente hinweg nicht denkbar.

„Sehr wahrscheinlich hat das aktuelle Virus daher seinen Weg direkt aus der GeflĂŒgelwirtschaft in China nach Europa gefunden – ohne die Hilfe von Wildvögeln, die niemals direkt von China nach Europa ziehen“, sagte NABU-Vogelschutzexperte Lars Lachmann. Da entsprechende Viren offenbar nicht tĂ€glich aus China importiert werden, wo sie sich bestĂ€ndig in der GeflĂŒgelwirtschaft halten, wĂ€re hier nach einem Zufallsereignis zu suchen, z.B. einem nicht ausreichend desinfizierten Transportstall beim Handel mit GeflĂŒgel.

Vermutlich bereits ab Mitte Oktober zirkulierte das Virus in Ost-Ungarn bereits in GeflĂŒgelhaltungen. Entdeckt wurde es in den Stallhaltungen allerdings erst Anfang November. Ungarische GeflĂŒgelexporte gehen zu 99 Prozent in nur drei LĂ€nder: Polen, Österreich und Deutschland. Genau hier wurden Anfang November die ersten an H5N8 gestorbenen Wildvögel, meist Reiherenten gefunden. Die Tatsache, dass diese Ausbruchherde meist in unmittelbarer NĂ€he großer Schlachthöfe oder an den vermuteten Routen und RastplĂ€tzen von LebendgeflĂŒgel-Transporten liegen, ruft dringend nach einer eingehenden ÜberprĂŒfung aller Transporte zwischen betroffenen Betrieben und Schlachthöfen in den genannten LĂ€ndern.

Der wiederholte Beginn des Ausbruchsgeschehens Anfang November soll laut FLI die These stĂŒtzen, dass in Europa ĂŒberwinternde sibirische Zugvögel das Virus jedes Jahr wieder eintragen. Dazu stellt der NABU fest, dass sibirische Wasservögel bereits ab August in Europa eintreffen, sicherlich aber nicht erst ab Anfang November. Plausibler wĂ€re eher ein Zusammenhang mit der zu dieser Jahreszeit erhöhten Zahl von Martins- und WeihnachtsgĂ€nsen oder Erntedank-TruthĂ€hnen, die zu den wenigen Großschlachthöfen transportiert werden mĂŒssen.

Nachdenklich stimmt auch der H5N8-Fall in einer großen deutschen Massenhaltung: In einem Putenbetrieb in Barßel im Landkreis Cloppenburg/Niedersachsen mussten 16.000 Puten gekeult werden, dazu 92.000 HĂŒhner in benachbarten Betrieben. Bislang wurde in der Umgebung bisher kein infizierter Wildvogel entdeckt. AuffĂ€llig ist, dass dieser Betrieb bereits beim vergangenen Ausbruch 2014 betroffen war. Zudem liegt er nur wenige Kilometer von einer großen Fleischmehlfabrik entfernt. „Wie wahrscheinlich ist bei dieser Indizienlage, dass sich die abgeschlossene Massenhaltung ĂŒber den Kot von Wildvögeln angesteckt haben könnte?“, so Lachmann. Diese Frage bleibt bisher vom FLI unbeantwortet.

Der NABU fordert Bund und LĂ€nder auf, die Suche nach den Haupt-Übertragungswegen dringend auch auf die Transporte und Stoffströme der GeflĂŒgelindustrie auszudehnen. „Achselzuckend nur auf die Zugvögel als angeblich unvermeidliche Infektionsherde zu verweisen, verspielt die Chance, zukĂŒnftigen AusbrĂŒchen endlich einen Riegel vorzuschieben, und damit die ĂŒberproportionale Belastung von Freiland-GeflĂŒgelhaltungen durch die wiederkehrende Stallpflicht zu vermeiden und gleichzeitig auch die Gefahr fĂŒr Wildvögel zu bannen“, so Lachmann.
Mehr
Eintrag vom: 01.12.2016  




zurück

Copyright 2010 - 2019 Benjamin Jäger