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Sonntag, 26. September 2021
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Schmetterlingssterben - Insektensterben (nicht nur) am Oberrhein
Schmetterlingsfragen:

Wann haben Sie das letzte Mal einen Schwalbenschwanz gesehen?
Wann haben Sie das letzte Mal einen BlÀuling gesehen?
War die Windschutzscheibe Ihres Autos vor 30 Jahren nach einer Ausfahrt nicht heftig "insektenverschmiert" und ist sie jetzt nach sommerlichen Fahrten nicht erschreckend "sauber"?
In den letzten Jahrzehnten hat die Zahl der Schmetterlinge (nicht nur) am Oberrhein stark abgenommen. "Zwischen 1990 und 2011 brach die Population von 17 in der EU verbreiteten Schmetterlingsarten um rund die HĂ€lfte ein", schreibt die EuropĂ€ische Umweltagentur (EEA) 2013 in ihrem Bericht. Das deutet auch auf den RĂŒckgang vieler anderer Insektenarten hin. Selbst Nicht-Biologen fĂ€llt auf, dass der Artenreichtum und die Anzahl der Schmetterlinge massiv abgenommen haben.

Dies gilt nicht nur fĂŒr die Maissteppe am Oberrhein, sondern erschreckenderweise auch fĂŒr die wertvollsten, immer dem Gifteintrag ausgesetzten Naturschutzgebiete am Kaiserstuhl oder fĂŒr die Orchideen-Wiesen am Bollenberg im Elsass. Der beste "Indikator" fĂŒr das große, stille Insektensterben ist Ihre Windschutzscheibe. War diese nach sommerlichen Fahrten vor 30 Jahren noch heftig "insektenverschmiert", so ist sie jetzt erschreckend "sauber". Schnaken gibtÂŽs natĂŒrlich noch, aber die "dicken Brummer" fehlen.

Wir erleben gerade ein stilles Artensterben und zwar nicht im fernen Afrika, sondern direkt vor unserer HaustĂŒr.

WĂ€hrend das Bienensterben, ausgelöst nicht zuletzt durch Neonicotinoide, zumindest noch öffentlich diskutiert wird, ist das stille Sterben der Schmetterlinge, der Wildbienen und anderer Insekten leider kein öffentliches Thema. "Schuld am Sterben der Schmetterlinge sind insbesondere die intensive Bodennutzung durch FlĂ€chenverbrauch, industrielle Landwirtschaft und Pestizide", sagt ein Bericht der EuropĂ€ischen Umweltagentur (EEA). Auch wenn wir uns in dieser sĂŒdwestlichen Ecke Deutschlands ĂŒber gelegentliche Neufunde (Purpurweiden-Jungfernkind...) und klimabedingte "Wanderungsgewinne" aus dem SĂŒden freuen, Ă€ndert dies nichts am Grundproblem.

„Ich untersuche die Tag- und Nachtfalter in der Oberrheinebene seit 30 Jahren regelmĂ€ĂŸig und sowohl die Artenzahlen als auch die Faltermengen gehen insgesamt stark zurĂŒck. Es fĂ€llt auf, dass auch Wiesen, die selbst nicht zerstört wurden, aber in der Agrarlandschaft unmittelbar den RandeinflĂŒssen der gespritzten Kulturen ausgesetzt sind, nur noch von wandernden Faltern besucht werden. Wiesen im Wald sind oft noch nicht so betroffen. Die bunten Wiesen der HochwasserdĂ€mme in der Aue sind vom Wald abgeschirmt und geschĂŒtzt und darum immer noch Falter-reich. Im Kaiserstuhl haben sich einige Arten nur noch in den windgeschĂŒtzten TĂ€lern gehalten. Da wundert man sich natĂŒrlich nicht, dass neben Schmetterlingen und anderen Insekten auch Singvögel und FledermĂ€use selten werden.“ sagt Jörg-Uwe Meineke, Schmetterlingsexperte und ehemaliger Leiter des Referats fĂŒr Naturschutz und Landschaftspflege im RegierungsprĂ€sidium Freiburg

Immer mehr Studien zeigen, dass nicht nur Honigbienen, Wildbienen, Hummeln und andere Insekten durch Neonikotinoide geschÀdigt werden, sondern dass die BiodiversitÀt in Gefahr und zum Teil schon geschÀdigt ist.
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit bekĂ€mpfen deutsche Chemiekonzerne mit allen juristischen Mitteln und ausgestattet mit Geld und Macht jede kritische Stimme, die ihre lohnenden GiftgeschĂ€fte gefĂ€hrden könnten. Gerade der Konflikt um die heftig umstrittenen Neonicotinoide wird mit großer HĂ€rte ausgetragen und hat den kleinen BUND-RV am sĂŒdlichen Oberrhein schon viel Geld gekostet.

Aus bunten Schmetterlingswiesen wird EinheitsgrĂŒn,
Auch am Oberrhein wurden viele Wiesen umgebrochen. Aus bunten Blumenwiesen im Schwarzwald und in den Vogesen wird zunehmend monotones, artenarmes, gedĂŒngtes EinheitsgrĂŒn, das immer hĂ€ufiger im Jahr gemĂ€ht wird. Unsere Landwirte, die einer brutalen internationalen Konkurrenz (Freihandel!) ausgesetzt sind, mĂŒssen immer mehr Futter fĂŒr KĂŒhe erzeugen und auch die Biogasanlagen mĂŒssen "gefĂŒttert" werden. Wo frĂŒher eine artenreiche Acker-, Wiesen- und Streuobstlandschaft war, steht heute fast ĂŒberall giftgeduschter Mais. Viele, der in der Landwirtschaft eingesetzten Spritzmittel und Gifte (Neonicotinoide / Glyphosat...) sind ein Grund fĂŒr den massiven RĂŒckgang der Artenvielfalt auf Ackerböden und in deren Umgebung. Doch nicht der einzelne Landwirt ist das Problem, sondern die mĂ€chtige Agrochemielobby und ihr massiver Einfluss auf Studien, UniversitĂ€ten, Wikipedia, Politik und auf das BfR (Bundesinstitut fĂŒr Risiko-Bewertung). Das industriegelenkte Wegschauen staatlicher "Kontroll"instanzen beim Dieselskandal, erleben wir auch bei Neonicotinoiden und Glyphosat.

"Sterben der Schmetterlinge" ist eigentlich ein verharmlosender Neusprechbegriff, denn er verschweigt den Hintergrund des Sterbens. Schmetterlinge und andere Arten werden global und regional ausgerottet. Es lassen sich viele Einzelursachen dieses Ausrottungsprozesses auflisten. Zusammenfassend lĂ€sst sich sagen, dass unser verschwenderischer, auf unbegrenztem Wachstum beruhender Lebensstil nicht kompatibel mit dem Überleben von Schmetterlingen, Nashörnern, Feldhamstern, Insekten und vielen anderen Arten ist. Ob unser Lebensstil sich mit dem Überleben unserer eigenen Spezies vertrĂ€gt, darf bezweifelt werden.

Das Schmetterlingssterben ist nur ein kleiner Teil des globalen Artensterbens.
Von Jahr zu Jahr stehen mehr gefĂ€hrdete Tiere und Pflanzen auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Und die Rote Liste zeigte noch nicht einmal das ganze Ausmaß des weltweiten Artensterbens. Durch das was wir "Wachstum und Fortschritt" nennen, hat sich das globale und regionale Artensterben derart beschleunigt, dass Forscher mittlerweile vom sechsten Massensterben der Erdgeschichte sprechen. Neue Untersuchungen gehen davon aus, dass die derzeitige Aussterberate von 3 bis 130 Arten pro Tag um den Faktor 100 bis 1000 ĂŒber dem natĂŒrlichen Wert liegt.

NatĂŒrlich werden auch in SĂŒdbaden, im Elsass und in der Nordschweiz neue Naturschutzgebiete ausgewiesen.
Aber der Gifteintrag macht auch vor dieser Restnatur nicht halt und die Zahl der Schmetterlinge schwindet. WĂ€hrend neue Naturschutzgebiete unter öffentlichem Beifall eingeweiht werden, verschwinden gleichzeitig wesentlich grĂ¶ĂŸere FlĂ€chen unter Beton und Asphalt. Zwischen Offenburg und Freiburg gibt es noch einen minimalen Freiraum von 17,7 km und Siedlungsstrukturen von 50,3 km. Gerade auch am Oberrhein - in der selbsternannten Ökoregion (in der gerade die Autobahn auf 6 Spuren erweitert werden soll) - gilt: “Der Naturschutz arbeitet am kleinen Detail, die Naturzerstörer arbeiten am großen Ganzen”.
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Eintrag vom: 21.07.2016 Autor: Axel Mayer, BUND-GeschĂ€ftsfĂŒhrer




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